Eine Winternacht

Es ist Winter, nicht irgendein Winter, sondern Winter schlechthin. Schnee soweit das Auge reicht, meterdick. Wie sanfter Watte gleich, fallen Schneeflocken auf die Berge, deren steile und scharfkantigen Felsen durch den Schnee die Schärfe genommen wurde. Man könnte fast glauben, die in weißer Pracht gehüllten Felsen wären rund wie die Kiesel im Bachbett.

Der See ist tiefgefroren und ein eisiger Windhauch kommt von den Bergen her, die mit weißen Wolkenkronen gekrönt sind. Im Tal und am See ist der Himmel klar und mit Sternen übersät. Der Mond steht hoch am Himmel und taucht die Umgebung in ein bizarres, diffuses Licht, welches so eine Kraft besitzt, daß sich Schatten der Bäume im Schnee abzeichnen.

Knirschend schiebt sich ein Mann auf seinen Ski durch die Wildnis und hinterläßt eine scharfe Spur im Schnee. Der Wind summt um seine Ohren und die klirrende Kälte beißt ihm in die Nase, sein Gesicht ist tiefrot. Mit Vorfreude sehnt er sich nach der Wärme seines Hofes, nach dem Geruch von den trockenen Holzwänden, nach den Geräuschen des bollernden Ofens und nach dem Licht des Feuers im Kamin. Plötzlich hält er inne und dreht sich um, denn er hat einen Schatten bemerkt, der sich schnell bewegte. Doch er beruhigte sich, als er den einsamen Wolf erblickte, der seine Skispur kreuzte und zügig seinen Pfad weiterging. Ein wenig Angst hatte er doch bekommen. Der Mann setzt seine Fahrt fort, denn er wurde im Hof erwartet.

Im fahlen Licht des Mondes kommt ein Hügel in Sicht, der sich von den anderen durch seine Gleichmäßigkeit abhebt. Auf diesen steuert der Mann nun zu und fährt umständlich spiralig den Hügel hinauf, steckt seine Stöcke in den Schnee und nimmt vorsichtig den Rucksack vom Rücken.

Der Mann verharrt eine ganze Weile regungslos stehend und schaut in die Landschaft, atmet tief durch, saugt mit seinen Augen die Schönheit der Landschaft in sich hinein und erfreut sich an dieser. Nach einer Weile öffnet er den Rucksack und holt eine Schüssel, ein Horn, eine Flasche und einen Topf heraus. Er setzt die Schüssel auf dem Hügel in den Schnee und füllt sie mit dem Brei den er im Topf mit sich gebracht hatte. Anschließend öffnet er die Flasche und schenkt honiggelben Met in das Horn, hebt es an, hält es vor sich, murmelt etwas und gießt diesen wunderbaren Honigwein in den Schnee. Wieder verharrt er eine Weile und verstaut den Topf, das Horn und die Flasche in seinen Rucksack, setzt diesen auf seinen Rücken, nimmt die Stöcke und fährt den Hügel herunter. Die Schüssel mit Brei ließ er aber auf dem Hügel. Sein weiterer Weg führt ihn nun zu einer sehr alten Fichte tief im Wald.

Während der Mann auf seinen Ski unterwegs ist, liegt sein Hof verlassen in der Schneelandschaft, die im Mondlicht glitzert, jedoch dringt Menschengelächter aus den Holzwänden des Haupthauses im alten Bauernhof, obwohl es im Innern selber dunkel ist. Drinnen sitzen die Gäste des Skifahrers an einem großen Tisch, der nur durch den hereinscheinenden Mond beleuchtet wird, und erzählen sich Geschichten aus alten Zeiten, Sagen von Helden die viele Jahrhunderte zuvor Abenteuer erlebt haben und wunderschöne Märchen von Elfen, Feen und Trollen. Damit vertreiben sie sich die Zeit bis der Gastgeber mit dem neuen Feuer des neuen Jahres nach Hause kommt. Das alte Feuer war längst erloschen. Für die Gäste ist es trotz der zunehmenden Auskühlung des Hauses eine angenehme Zeit, denn es ist Zeit, die sie für sich brauchen, um sich mit ihrer Welt gedanklich auseinander zu setzen, um innerlich mit sich selbst Frieden schließen zu können. Denn es ist immer gut, die Lasten des alten Jahres zurück zu lassen, als diese Lasten in das neue Jahr mitzuschleppen.

Eine neue Geschichte wird begonnen, ein alter Mann erzählt die Geschichte von Sigurd Fafnisbani, dem Drachentöter, während alle weiter auf den Gastgeber warten.

Dieser war nicht untätig, denn er ist an seinem Ziel bereits angelangt. Eine sehr alte, riesige Fichte reckt ihren Stamm in die Winternacht, ihr Stamm ist so dick, das er diesen nicht mit seinen Händen zu umfassen vermag. Er lehnt die Stöcke an den Stamm, nimmt auch diesmal den Rucksack von seinen Schultern und öffnet diesen. Wie am Hügel zuvor, holt er die Flasche mit dem Met und das Horn hervor, füllt dieses, spricht etwas und gießt den Met diesmal allerdings an den Stamm der uralten Fichte und nicht einfach in den Schnee. Anschließend verstaut er die nun leere Flasche und das Horn wieder im Rucksack und holt stattdessen einen kleinen Lederbeutel hervor, den er öffnet. In wenigen Augenblicken holt er Zunderschwamm und Schlageisen hervor und beginnt Feuer zu schlagen. Er muß sehr lange schlagen bis ein Glimmen sein Gesicht erhellt. Die Schläge hallen sehr weit im Winterwald wider. Schnell hält er einen Kienspan hin, um das Feuer zu vergrößern, bevor der Wind das Glimmflämmchen erstickt. Den nun brennenden Kienspan, hält er an eine Fackel die an seinem Rucksack befestigt war und diese lodert nun kräftig auf, als der Wind sein Spiel mit ihr treibt. Der Mann steckt die Fackel in den Schnee, um sich den Rucksack auf die Schultern zu werfen, fasst beide Skistöcke mit der einen und die Fackel mit der anderen Hand, blickt sich noch einmal zur Fichte um, staunt ob ihrer gewaltigen Größe und majestätischen Erscheinung und fährt in Richtung seines Hofes. Das Skifahren fällt ihm nun sichtlich schwerer, hat er doch nicht mehr beide Stöcke zur Stütze und auf die Fackel muß er auch aufpassen, daß er sich weder an ihr versengt, noch sie bei einem Sturz im Schnee erstickt. Nach einer Weile erblickt er seinen Hof im Tal, den naheliegenden See und schemenhaft die Berge. Wolfsgeheul dringt von den Bergen und das Gekrächz von Raben, vom Hofe her, an sein Ohr. Nun fährt er weiter und in das innere des Hofes. Die Tür des Haupthauses wird aufgerissen und alle Gäste strömen nach draußen um den Gastgeber und das Feuer des neuen Jahres zu begrüßen. Anschließend gehen sie zurück ins Haus, entzünden erst Kerzen mit der Fackel, dann das zurechtgemachte Holz im Ofen und anschließend die Holzscheite im Kamin. Schnell breitet sich wohlige Wärme im Hause aus, die Stimmung der Gäste wird noch besser. Alle laben sich ihre Augen an dem neuen Licht, alle saugen mit ihrer Haut die wohlige Wärme, und den Duft des brennenden Holzes mit der Nase in sich auf. Weitere Geschichten werden erzählt. Die Gäste, die beim Kochen und Tischdecken mithelfen, haben ab und an ein Lied auf den Lippen in das alle freudig mit einstimmen.

Der Tisch wird nun freigeräumt und gedeckt. Einigen Kindern fiel sofort auf, das ein Gedeck zuviel auf dem Tische stand, jedoch wurde es nicht abgeräumt. Der alte Mann, der die Sage von Sigurd Fafnisbani erzählt hatte, nahm sich alle Kinder und ging mit ihnen in eine ruhigere Ecke und erzählte ihnen die Geschichte von dem Einen, der in den Rauhnächten eine Wilde Jagd auf seinen achtbeinigen Roß abhält. Währenddessen wird der Tisch weiter gedeckt und das Essen zum Auftischen zubereitet. Die Spannung steigt für die Kinder ins unermessliche, als angekündigt wird, daß das Essen fertig sei. Viele Schüsseln und Platten türmen sich auf dem großen Tisch. Es gibt frisch gebackenes Brot, verschieden Arten von Gemüse, hauptsächlich Wurzelgemüse, welches sich gut lagern lässt und traditionell viel Fleisch und Fisch. Die Hörner sind mit selbstgebrautem Bier oder Met gefüllt und selbst die Kleinen bekommen kleine Hörnchen mit Milch oder Wasser und sie sind mächtig Stolz darauf, denn sie feiern ja schon wie die Erwachsenen. Als alle Gäste Platz genommen hatten, nahm der Gastgeber ein mächtiges Trinkhorn und füllte es mit schweren süßen Met und stand vom Tische auf. Alle schweigen und hören dem Gastgeber zu, der gerade eine Rede hält. In dieser Rede dankt er für das vergangene Jahr, dankt seinen Gästen, daß sie zu seinem Fest gekommen sind und ihn damit ehren und legt Wünsche für das neue Jahr in seinen Trinkspruch. Anschließend trinkt er und reicht das Horn an seinen Tischnachbarn weiter, dieser nimmt es, steht auf und tut es dem Gastgeber gleich, indem er seine Wünsche für das kommende Jahr ausspricht, trinkt und das Horn weiterreicht. Das Horn macht die Runde bis es zum Gastgeber zurückkommt, dieser nimmt das Horn dankt allen für die Wünsche und erklärt die Tafel für eröffnet. Das noch nicht leere Horn wurde zu dem Platz gestellt, wo sich das überzählige Gedeck befand. Alle ließen sich nun das Essen munden, nebenbei wurde viel gelacht, denn es wurden lustige Begebenheiten erzählt, die sich im letzten Jahr zugetragen hatten.

Das Festessen ging solange bis es Mitternacht wurde. Alle Festteilnehmer ziehen sich nun warm an und gehen gemeinsam vor die Tür, um wie die Wölfe zu heulen. Das Echo aus den Bergen ließ nicht lange auf sich warten. Das Heulen geht mit viel Gelächter einher und alle stapfen weiter zu einer Tanne hin, die nahe am Hofe steht. Um diese Tanne bilden alle nun einen Kreis, singen und tanzen einen Reigen. Der anfänglich pulvrige Schnee wird dabei bald zu Eis und viele rutschen beim Tanzen aus und fallen hin. Lachen hallt durch die Winternacht. Als es wirklich nicht mehr mit dem Tanzen geht, wird eine andere Beschäftigung gefunden. Schneeburgen werden gebaut und die Burgherren trachten nach Gefolge und einem Burgfräulein und so werden Raubzüge veranstaltet und viel weiße Schneebälle fliegen durch die Luft. Alle lachen und die Stimmung ist ausgelassen. Doch irgendwann siegt die Kälte und es drängt alle zurück in die wohlige Wärme des Hauses. Die Kinder sind abgekämpft und müde. Sie müssen zu Bett gebracht werden. Und so wird nochmals in die Nacht geheult und auch diesmal erwidern die Wölfe in den Bergen das Geheul der Menschen.

Nachdem die Kinder zu Bett gebracht wurden, geht das Fest weiter, die Korken knallen und alle singen und tanzen und freuen sich des Lebens. Doch bei einigen gewinnt der Met langsam die Oberhand. Nach und nach werden alle müde. Der Mond befindet sich schon auf Talfahrt, der Wind hat nachgelassen, es schneit vereinzelt einige Schneeflocken und selbst die Wölfe draußen in den Bergen ziehen sich in ihre selbstgemachten Schneehöhlen zurück. Langsam zieht Stille in dem alten Bauernhof ein. Fast alle sind zu Bett gegangen, nur der Gastgeber nicht. Er ist durch die Erlebnisse auf seinem Fest innerlich aufgewühlt. All die Erlebnisse, die Geschichten und Erzählungen, die Lieder, die Freude in den Augen der Kinder und Erwachsenen. All das muß er irgendwie verarbeiten und deshalb schnallt er sich nochmals seine Ski unter und begibt sich auf eine kleine Skitour, sucht die Stille und die Einsamkeit, um die erlebten, wunderschönen Empfindungen zu verarbeiten. Draußen beginnt der Wind leise zu summen, die Sterne funkeln in der klaren Winterluft und Nordlichter flackern am Himmel. Seine Augen wandern über das Firmament, er hört dem Wind zu und hat gleichermaßen die Lieder und das Lachen auf dem Fest noch in den Ohren, er spürt die Kälte in seinem Gesicht und in seiner Nase. Innerlich macht sich wohlige Zufriedenheit in ihm breit.

Eine einsame Skispur zeichnet sich nur noch schemenhaft im Schnee ab, der Wind bedeckt leise pfeifend diese Spur mit Schnee. Alles schläft, ist ruhig und friedlich. Leise und still hält das neue Jahr Einzug mit der Morgendämmerung.